Oktober 2019

Wiesntag

Erntedankfeier

      

Eine Erntedankgeschichte

Zwischen dem Buchstaben A und dem Buchstaben Z sind viele Worte zu Hause. Lange und kurze gibt es, altmodische und neumodische, spitzige wie eine Glasscherbe, kleine und große und solche, die ihre Nase immer zu vorderst haben. Ohne diese vielen Worte könnten wir zu einem Elefanten nicht Elefant sagen und zur Katze nicht Mieze. Nun gibt es aber Worte, die es in unserer Zeit sehr schwer haben. Von so einem Wort möchte ich euch jetzt erzählen.

Eines Tages wurde ein kleines Wort von den Menschen immer weniger ausgesprochen. Die anderen Worte lachten es aus und sagten zu ihm: Du bist eine schrecklich altmodische Tante. Wenn du wenigstens geil heißen würdest oder cool oder megastark. Ganze Wortlawinen donnerten über das verachtete Wort hinweg und machten es mundtot. Nirgends mehr konnte das kleine Wort zu Hause sein. Aber wenn Worte nicht mehr ausgesprochen werden von Frauen, Männern und Kindern, dann müssen sie sterben. Eines Tages sagten die Menschen: Kommt, wir wollen das unnütze Wort vergraben, dann haben wir Ruhe. Das kleine Wort hörte es und alle seine Buchstaben begannen zu klappern vor lauter Kälte. Am anderen Morgen war es wie vom Erdboden verschwunden. Still und heimlich hatte es sich weggeschlichen aus Fabriken und Schlafzimmern, aus Schulstuben und von Spielplätzen. Zuerst merkten es die Menschen nicht einmal. Das Leben ging ja weiter, wie jeden Tag. Aber das war ein großer Irrtum.

An diesem Morgen leuchtet die Sonne etwas weniger hell als am Vortag. Und an jedem neuen Tag verlor die einst leuchtende Kugel etwas mehr von ihrer strahlenden Wärme. Aus den Sonnenblumen hinter dem Holzhaag floss langsam die goldgelbe Farbe und versickerte im Boden. Die Blumen wurden nicht grau, O nein, denn das ist ja auch noch eine Art Farbe. Sie waren jetzt farblos. Es war, wie wenn ihnen die Seele aus den Blütenblättern geflossen wäre. Der See und die Bäume am Ufer verloren alle Farbe, und die Gesichter der Menschen wurden farblos. Wenn die Menschen etwas berührten, verlor es seine Farbe, seine Seele und Schönheit. Auf den Straßen froren die Menschen, obwohl es Sommer war. Sie kleideten sich sommerlich, um voreinander ihr Frieren zu verbergen.

Das kleine Wort saß unterdessen weit weg und einsam in einem Baum versteckt zwischen Blättern. Aber es täuschte sich. Es war nicht allein. Gefiederte Geschöpfe Gottes, Meisen, Finken, Eichelhäher, Tauben und Rotkehlchen wohnten im Baum, setzten sich keck neben das kleine Wort, plusterten ihr Federkleid zurecht und sagten: ,,Guten Tag kleines Wort. Du gefällst uns. Du hast uns gerade noch gefehlt. Du eignest dich nämlich hervorragend für unsere Stimmen. Wir wollen dich mehrstimmig pfeifen und trillern, zwitschern, krächzen.“ Es war, als ob der Baum ein Konzertsaal, wäre. Ein blinder Mensch saß nicht weit davon am offenen Fenster, hörte das Konzert, wurde froh und rief laut: Danke, liebe Vogelschar, für euer Singen, danke lieber Gott für meine Ohren, die noch hören. Danke für die warmen Sonnenstrahlen, die meine Hände berühren. In diesem Augenblick fiel das kleine Wort vor lauter Schreck vom Baum auf die Erde, rappelte seine fünf Buchstaben in die richtige Reihenfolge und rief freudig: Ich bin entdeckt! Ein Menschenkind hat mich soeben mit den Lippen und mit seinem Herzen ausgesprochen. So kommt es, dass die Welt bis heute noch voller Farbe und Wärme ist.